Prag, 6. September 1945 – Vor den Augen einer tobenden Menschenmenge, die sich auf dem Platz vor dem ehemaligen Rathaus drängt, endet das Leben eines Mannes, der die tschechische Hauptstadt einst dem nationalsozialistischen Terror unterwerfen wollte. Josef Pfitzner, der selbsternannte Herr über Prag, wird an diesem Donnerstagmittag öffentlich gehängt.
Es ist ein Akt der Vergeltung, der die tiefe Wunde einer Besatzung offenlegt, die über sechs Jahre Tod und Zerstörung über das Protektorat Böhmen und Mähren gebracht hat. Die Exekution, die nur wenige Stunden nach der Urteilsverkündung vollstreckt wird, markiert das finale Kapitel eines Lebens, das von grenzenlosem Ehrgeiz, Verrat und einer Radikalität geprägt war, die selbst hohe NS-Funktionäre abschreckte.
Der Henker tritt zurück, als der Körper des 44-Jährigen in die Länge gezogen wird, doch die Menge skandiert weiter. Zeugen berichten, dass Pfitzner bis zuletzt keine Reue zeigte. Kurz vor der Hinrichtung soll er ausgerufen haben: „Ich sterbe für Großdeutschland.
“ Diese Worte, die wie ein letzter Trotz gegen die Geschichte klingen, werden von dem Henker mit einem Schlag ins Gesicht quittiert. Für die Zehntausenden, die sich versammelt haben, ist dies jedoch mehr als nur die Bestrafung eines einzelnen Kollaborateurs. Es ist die symbolische Austreibung des deutschen Nationalsozialismus aus dem Herzen eines Landes, das um seine Identität gekämpft hat.
Josef Pfitzner, geboren am 24. März 1901 im schlesischen Dorf Petrowitz, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte, war ein Mann, der aus einfachen Verhältnissen kam. Sein Vater war Schuhmacher, seine Kindheit von bescheidenen Umständen geprägt.
Doch Pfitzner zeigte früh eine außergewöhnliche intellektuelle Begabung. Er begann ein Geschichtsstudium an der deutschen Universität in Prag, wo er schnell auf sich aufmerksam machte. Seine akademische Karriere verlief steil: Bereits mit 29 Jahren wurde er einer der jüngsten Professoren der Universität.
Seine wissenschaftlichen Arbeiten zur Geschichte Böhmens wurden von führenden tschechischen Historikern gewürdigt, und er galt als Gelehrter, der mühelos zwischen den deutschen und tschechischen intellektuellen Kreisen der Ersten Tschechoslowakischen Republik navigierte.
In dieser Zeit schien Pfitzner ein Integrationsfigur zu sein. Er sprach fließend Tschechisch, besuchte Seminare des angesehenen Historikers Josef Pekař und wurde sogar von Präsident Tomáš Garrigue Masaryk als ein loyaler Deutscher betrachtet, der das gegenseitige Verständnis zwischen Tschechen und Sudetendeutschen fördern könnte. Doch der Machtantritt Adolf Hitlers im Jahr 1933 veränderte alles.
Die nationalistische Propaganda aus Berlin fand auch in der Tschechoslowakei Gehör, insbesondere unter der deutschen Minderheit, die sich zunehmend von der Prager Regierung benachteiligt fühlte. Die Sudetendeutsche Heimatfront, die spätere Sudetendeutsche Partei (SdP), gewann rasant an Einfluss und wurde 1935 zur stärksten politischen Kraft der deutschen Minderheit.
Pfitzner, der den Wandel des politischen Klimas aufmerksam beobachtete, fühlte sich von der Dynamik dieser Bewegung angezogen. Er trat der Partei bei und begann, seine akademische Reputation in den Dienst ihrer nationalistischen Agenda zu stellen. Seine wissenschaftliche Unabhängigkeit gab er bereitwillig auf.
Er verfasste Auftragsarbeiten, die die völkische Ideologie unterstützten, und trat bei Parteiversammlungen als Redner auf, der das deutsche Sendungsbewusstsein in Böhmen beschwor. Der endgültige Bruch mit seiner intellektuellen Vergangenheit erfolgte, als er private Briefe des verstorbenen Josef Pekař veröffentlichte, um diesen als Sympathisanten nationalistischer und antisemitischer Ideen darzustellen. Für viele tschechische Akademiker war dies ein moralischer Tiefpunkt, ein Verrat an allem, wofür die Wissenschaft stand.
Als sich die politische Lage in Europa 1938 zuspitzte, begann für Pfitzner die Zeit der politischen Verwirklichung. Das Münchner Abkommen vom 29. und 30.
September 1938, bei dem Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland ohne Beteiligung der Tschechoslowakei über die Abtretung des Sudetenlandes entschieden, ebnete den Weg für die Zerschlagung des Landes. Hitler annektierte die Grenzgebiete, und nur wenige Monate später, am 15. März 1939, marschierten deutsche Truppen in Prag ein.
Aus den verbleibenden tschechischen Gebieten wurde das Protektorat Böhmen und Mähren gebildet. Während die tschechische Bevölkerung geschockt und gedemütigt war, sahen Tausende ethnische Deutsche in der Besatzung ihre Chance.
Einer von ihnen war Josef Pfitzner. Am 16. März 1939 stand er auf der Prager Burg, um Hitler zu begrüßen – nicht als zögerlicher Beamter, sondern als überzeugter Nationalsozialist, der die Besetzung als historische Korrektur betrachtete.
In seinen Augen war der Fall Prags keine Tragödie, sondern eine Gelegenheit, die Stadt im Sinne der Rassenideologie umzugestalten. Kurz darauf wurde er zum Regierungskommissar der Stadtverwaltung ernannt und als stellvertretender Bürgermeister eingesetzt, neben dem formal amtierenden Bürgermeister Otakar Klapka. Durch Rechtsänderungen im Dezember 1939 erhielt Pfitzner das Recht, fast jede Entscheidung des Stadtrats mitzuzeichnen, was ihm in der Praxis die Kontrolle über die gesamte Verwaltung sicherte.
Ab Januar 1940 legte Pfitzner regelmäßig Lageberichte direkt an SS-Gruppenführer Karl Hermann Frank vor, den Staatssekretär des Protektorats. In diesen Berichten präsentierte er sich als wachsamer Wächter deutscher Interessen und beklagte stets die angebliche Unzuverlässigkeit und Obstruktion der tschechischen Bevölkerung. Seine Radikalität kannte keine Grenzen: Er strebte nichts Geringeres als die ideologische Eroberung Prags an.
Die Stadt sollte eine dauerhaft deutsche Metropole werden, in der die tschechische Identität vollständig ausgelöscht würde. Er überwachte die Veröffentlichungen über Prag, verbot Werke, die nicht seiner Geschichtsauffassung entsprachen, und ließ Fremdenführer umschulen, damit Besucher nur noch die deutsche Erzählung der Stadt zu hören bekamen. Denkmäler, die mit tschechischer oder jüdischer Identität verbunden waren, wurden systematisch entfernt.
Bereits Anfang 1940 ließ er Statuen eines Rabbis und von Moses aus dem öffentlichen Raum verschwinden. Straßen wurden umbenannt, das Stadtwappen verändert – alles mit dem Ziel, die sichtbaren Symbole tschechischer Tradition zu tilgen.
Das Verhältnis zu Bürgermeister Klapka, der versuchte, die Germanisierung durch striktes Einhalten von Verwaltungsverfahren zu verzögern, verschlechterte sich dramatisch. Pfitzner denunzierte Klapka in seinem Berichten als politisch unzuverlässig und „gefährlich tschechisch gesinnt“. Als Klapka im Juli 1940 nach erneuten Verhören von Widerstandsgefangenen verhaftet und später hingerichtet wurde, glaubte Pfitzner, das letzte Hindernis auf dem Weg zum Bürgermeisteramt sei beseitigt.
Doch seine Rechnung ging nicht auf. Berlin zögerte, ihm die volle Macht zu übertragen, und setzte stattdessen einen anderen tschechischen Bürgermeister ein. Es war eine deutliche Demütigung, die zeigte, dass selbst die nationalsozialistische Führung ihn für entbehrlich hielt.
Als Reinhard Heydrich im September 1941 sein Amt als stellvertretender Reichsprotektor antrat, versuchte Pfitzner eifrig, sich dessen Gunst zu sichern. Er bewunderte Heydrichs brutale Methoden und identifizierte sich mit der harten Repression, die über das Land verhängt wurde. Doch Heydrich soll Pfitzner als intellektuell überheblich und politisch wertlos betrachtet haben.
Auch Propagandaminister Joseph Goebbels zeigte Verachtung für den Historiker; er ordnete sogar die Vernichtung eines seiner Bücher an, das er als wertlos einstufte. Andere hochrangige Funktionäre distanzierten sich von Pfitzner, in dem sie mehr Ehrgeiz als Substanz sahen. Trotz dieser wiederholten Geringschätzung aus den höchsten Kreisen des Regimes klammerte sich Pfitzner an seine Loyalität und suchte weiterhin die Anerkennung, die ihm verwehrt blieb.
Das Attentat auf Heydrich am 27. Mai 1942, bei dem der stellvertretende Reichsprotektor verletzt wurde und am 4. Juni seinen Verletzungen erlag, bot Pfitzner eine erneute Bühne.
Er beteiligte sich demonstrativ an den Trauerfeierlichkeiten und versuchte, seine Nähe zu dem getöteten Nazi-Führer zu inszenieren. Doch es half ihm nicht. Die NS-Hierarchie ließ ihn weiterhin außen vor.
Er blieb ein Mann, der verzweifelt nach Bedeutung strebte, aber von jenen, deren Welt er teilte, nur mit stiller Verachtung behandelt wurde.
Als der Zweite Weltkrieg in Europa am 8. Mai 1945 endete, floh Pfitzner aus Prag. Das Regime, dem er fanatisch gedient hatte, war zusammengebrochen.
Kurz darauf wurde er von amerikanischen Truppen festgenommen und an die Tschechoslowakei ausgeliefert, um sich vor Gericht zu verantworten. Während der Verhöre zeigte sich Pfitzner selbstbewusst und trotzig. Er behauptete, wie viele ehemalige Nazis, nur Befehle ausgeführt zu haben.
Doch die Anklage sah das anders. Sie hob seine führende Rolle in der Sudetendeutschen Partei hervor und machte ihn für die Abtretung der Grenzgebiete, die Zerstörung von Eigentum der Stadt Prag und die gezielte Germanisierung des historischen Zentrums verantwortlich. Das Außerordentliche Volksgericht verurteilte ihn nach dem Retributionsdekret zum Tode durch den Strang.
Die öffentliche Hinrichtung am 6. September 1945 vor bis zu 50. 000 Menschen war eine Demonstration der neuen Ordnung in der befreiten Tschechoslowakei.
Für viele war sie ein Symbol der Gerechtigkeit, für andere ein seltener Moment der Katharsis nach Jahren der Unterdrückung. Pfitzners Tod am Galgen beendete ein Leben, das von Anfang an von einem zerstörerischen Widerspruch geprägt war: dem zwischen intellektueller Brillanz und moralischer Verkommenheit. Er, der einst als Brückenbauer zwischen den Kulturen galt, wurde zum Architekten der Auslöschung dieser Kultur.
Sein Fall bleibt eine Mahnung, wie schnell Wissenschaft und Bildung zu Werkzeugen der Barbarei werden können, wenn sie in den Dienst einer menschenverachtenden Ideologie gestellt werden. Die Nachwelt, die ihn heute als einen der fanatischsten Kollaborateure Prags kennt, hat ihr Urteil bereits gesprochen – lange bevor der Henker den Strick anzog.


